Freitags auf dem Jeske-Hof

Der Jeske-Hof ist seit geraumer Zeit das Domizil des Vereins „Vier für Zwei e.V.“ als Ort der Begegnung, des Wohlbefindens sowie dem verantwortungsvollen Tun für Esel, Schaf, Gans, Ente, Huhn & Co.  Menschen lernen soziale Verantwortung für Tiere, die auch in anderen Lebenssituationen hilft. Ein großer Gedanke, der (wenn man es will) so einfach umzusetzen ist.

Es ist wieder Praxistag von Schülern der Schweriner Albert-Schweitzer-Schule. Diese Förderschule besticht seit Jahren mit ihrem Engagement, zielorientierten Ideen für Kinder, die es aus unterschiedlichen Gründen nicht leicht haben im Leben. Dank einer Schulleiterin, der der sogenannte Dienst nach Vorschrift zu wenig ist. Birgit Hadler ist eine Vollblut-Direktorin für die ihr anvertrauten Schüler im allerbesten Sinn. Ich kann das schreiben, weil ich Birgit Hadler für das Buchprojekt SIEBEN HUNDE UND IHRE PATIENTEN kennen- und schätzen gelernt habe. Ich hatte damals emotionale, tief berührende Momente mit aufgrund ihrer Lebensumstände geistig, sozial und emotional beeinträchtigten Kinder und den Hunden Mounty und Lord, die in diesem BLOG noch einen eigenen Platz haben werden.

Doch zurück zum Praxistag auf dem Jeske-Hof. In diesem Schuljahr wurden die Begegnungen mit Tieren im Schulgebäude durch das Projekt auf dem Therapiehof erweitert. Die Kinder können ein Projekt nach ihrer Neigung wählen. Inzwischen fahren jeden Freitag zirka zehn Schüler zum Jeske-Hof ins nahe Zietlitz. Dorthin, wo Menschen aus dem Verein, eben die Familie Jeske, mit Tieren leben, die versorgt, gepflegt und beschäftigt werden müssen – und die Nähe des Menschen mögen. Der Anspruch der Tiere passt haargenau zu dem, was Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Einschränkungen lernen sollten.

Der Praxistag braucht Rituale

Es ist ein grauer, regnerischer Tag. Auch die drei Esel zeigen störrisch, dass sie ihren Stall bei so miesem Wetter nicht verlassen wollen. Deshalb wird auch das Ausmisten und Versorgen von Lotte, Lili und Käthe mit frischem Heu zum „Kampf“ Esel gegen Schüler. Kaum ist ein Esel nach draußen bugsiert, kehrt er um und verschafft sich zielstrebig wieder Zutritt zu „seiner“ Behausung. Krischa hat entdeckt wie man so einen Esel überlistet. Er legt seine Hand ruhig auf den hinteren Rücken – und schon bewegt sich der Esel in die gewünschte Richtung.

Jeder Praxistag hat einen Plan. Lehrerin Anne Köpper spricht mit den Schülern über ihre Aufgaben. Die sind: Die Ställe der Hühner, Enten und Gänse öffnen, säubern, die Tiere mit frischem Wasser und Futter versorgen. Ein Tontrog muss gesäubert und dann für Hühnerfutter unter den Kirschbaum gestellt werden. Die Äpfel von der Eselwiese sammeln und auf den Kompost bringen. Den Eselstall und die Wiese abäppeln. Alle sollen darauf achten, dass Türen geschlossen werden müssen. Es sind also die alltäglichen Aufgaben, die den Tieren ein artgerechtes Leben mit viel Zuwendung geben. Der Tag hat auch Pausen, mit einem gemeinsamen Frühstück. Es braucht eine Struktur, die die individuelle Belastbarkeit jedes Schülers berücksichtigen muss. Keiner darf überfordert werden, die Freude am Tun ist für die Schüler wichtig.

Und was sind die Ziele der Praxistage?

Anne Köpper und Ulrike Jindra beschreiben es so: Soziales Lernen und Handlungskompetenz erarbeiten. Das hört sich hochtrabend an, meint aber ganz einfach den Anforderungen des täglichen Lebens heute und in Zukunft gerecht werden können. Die Schüler müssen teamfähig sein, einen netten Umgangston pflegen, versuchen eine Aufgabe zielstrebig zu erledigen.

Praktisch geht das so:

Der Tag braucht Rituale. Die geben den Mädchen und Jungen mit ihren unterschiedlichen Handicaps, viele mit Trennungserfahrung, Vertrauen und Halt. Auf dem Jeske-Hof angekommen, werden die Aufgaben des Tages besprochen. Immer gilt, dass alle Tiere gefüttert und aus den Ställen gelassen werden. Man spürt, dass alle – Paul, Kristofer, Krischa, Armin, Pascal, Andrea und Alina – mit Eifer bei der Sache sind. Sie kümmern sich an jedem Freitag darum, dass es den vielen Tieren gut geht: Futter, frisches Wasser, „lass nicht die Harke liegen, dann tut sich das Schaf weh“! Ich spüre als Beobachterin, dass alle ihre „Arbeit“ ernst nehmen. Sie haben auch erlebt, dass Schaf, Esel, Gans, Ente schlau sind und sich auch an ihre Fersen heften, um Futter zu kriegen.

 

Episoden des Tages

Paul ist 13 und ein fröhlicher Typ. Er möchte Aufmerksamkeit und interessiert sich für viele Arbeiten. Er bleibt an diesem Vormittag immer an meiner Seite. Findet er spannend, dass ich frage und beobachte und auch Fotos mache. Doch auf einmal verschwindet er ganz schnell hinter den Zaun ins Entengehege. Ein freilaufender Familienhund nähert sich ihm auf dem Hof. Paul hat Angst und es braucht eine Weile ehe er seine sichere Position freiwillig verlässt. Er kennt den Hund und weiß, dass der lieb ist, aber noch ist Paul lieber vorsichtig. Man kann ja nie wissen.

Es passiert auch, dass ein Kind fragt, ob es ein Blatt vom Baum abmachen kann. Es ist schon schlecht, weil es braun ist.

Andrea und Alina, zwei umsichtigen und „erwachsenen“ Siebzehnjährigen, gefällt der Umgang mit den Tieren so, dass sie sich auch vorstellen können später mit Tieren zu arbeiten.

Neugier, Aufmerksamkeit, Interesse und Vorsicht sind bei allen groß. Und das ist doch was.

Am Ende jedes Praxistages, das ist mittags, erfahren alle Schüler in gemeinsamer Runde wie sie ihre Aufgaben erledigt haben. An diesem Freitag besteigen alle den Schulbus in Richtung Schwerin mit strahlenden Gesichtern. Alle haben ein Sehr gut bis Gut für diesen Vormittag bekommen. Und tschüß ihr Tiere, bis zum nächsten Freitag.

Die Albert-Schweitzer-Schule „steht auf Tiere“

Auf der Homepage der Schule kann man erfahren, warum den Pädagogen die Tiere für die Förderung der Schüler so wichtig sind. Hier ein Auszug:

„Tiere helfen Menschen. Es ist unbestritten, dass durch Tiere viele positive Wirkungen auftreten. Der Umgang mit einem Tier kann die unterschiedlichsten Auswirkungen haben: das Tier kann beruhigen oder motivieren, es kann trösten und ermutigen, Leid oder Freude teilen. Denn ein Tier nimmt jeden Menschen so an, wie er ist. Ohne Urteil und ohne Gegenleistung. Genau diese vielseitigen positiven Effekte macht sich die Albert-Schweitzer-Schule zu Nutze indem im Schulalltag drei Schulbegleithunde integriert werden, mit denen eine tiergestützte Pädagogik umgesetzt wird. Die tiergestützte Pädagogik nutzt die positive und einmalige Wirkung der Tiere als unterstützenden und fördernden Faktor bei der Erziehung und Bildung in Schulen. Besondere Beachtung finden hier Bereiche, in denen die Anwesenheit oder der Einsatz von Tieren besonders förderlich ist, wie zum Beispiel in der Entwicklung sozialer Kompetenz. Im Unterricht wird das Tier entweder direkt als Lernthema eingesetzt, oder es erleichtert den pädagogischen Prozess und den Aufbau einer pädagogischen Beziehung. Tiergestützte Pädagogik wird von ausgebildeten Pädagogen ausgeführt. Die Ausbildung der Teams konzentriert sich besonders auf die Qualifizierung der Pädagogen im Einsatz mit ihren Hunden und wird durch regelmäßige Weiterbildungen und Hospitationen weiter ausgebaut“.

Wer mehr wissen will: www.foerderschule-albert-schweitzer.de

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