Wie bitte, Schnecken als Therapeuten?

Ja, es gibt sie schon seit längerem, Schnecken, die mit ihren besonderen Wirkungen in der Therapie eingesetzt werden. Es sind natürlich nicht die Exemplare, die uns an nassen Sommertagen im Garten ärgern, weil sie sich an Salatblättern und Kräutern bedienen. Respekt und Faszination und damit Wirkungen zeigen andere. Größe ist gefragt.

Die haben die ursprünglich in Afrika beheimateten „Riesen der Schneckenwelt“. Diese Größe von zirka 30 Zentimeter haben auch Achi (Foto im Terrarium mit Rotlicht), Achimedes, Achibald, Achemon. Es sind Achatschnecken, ein Jahr alt und sie leben bei Franziska Bauer, die als ausgebildete Fachkraft für tiergestützte Intervention und Entspannungstrainerin interessante Reaktionen bei jungen und alten Menschen mit Handicaps beobachten kann. Zu diesen Begegnungen kommt es mit Schweriner Schülern auf dem JESKEHOF in Zietlitz (bei Schwerin), wo der Verein „Vier für Zwei e.V.“ seinen Sitz hat – und in Pflegeheimen.

WAS KÖNNEN ACHATSCHNECKEN?

Sie haben Eigenschaften, die uns faszinieren können. So eine Schnecke lässt sich durch uns nicht aus ihrer natürlichen Ruhe bringen. Und wenn sie sich bewegen will, dann geht das sehr langsam. Auf den Punkt gebracht: Die Achatschnecke besticht mit Langsamkeit. Wer sie in Aktion sehen will, muss vor allem warten können und sich damit dem Lebensrhythmus der Schnecke unterordnen.

Eine andere gute Eigenschaft für den therapeutischen Einsatz: Die Schnecken schnappen nicht nach Nahrung. Sie haben Raspelzungen. Keiner muss also Sorgen um seine Finger haben.

HILFE FÜR KINDER UND JUGENDLICHE MIT ADHS

Kinder und Jugendliche mit der Erkrankung Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) leiden vor allem unter drei Symptomen: Sie können sich nur kurz auf eine Situation konzentrieren, sind schnell abgelenkt und dabei motorisch unruhig und impulsiv. Geradezu ideal findet Franziska Bauer die Langsamkeit der Tiere, die sie seit einem Jahr ergänzend zu ihren Hunden therapeutisch einsetzt. Sie beobachtet: Diese Kinder sind zunächst ehrfürchtig vor so einer großen Schnecke. Die meisten wollen sie in die Hände nehmen und ganz nah erleben, ob und wann die Schnecke ihr Haus verlässt. Sie erfahren, dass man Achi oder Achibald nur am Gehäuse anfassen darf, niemals am Rand. Das Kind wird leise, ist nicht mehr so heldenhaft wie sonst, hat Respekt. Es hilft kein Rufen, wie beim Hund, nur Warten, Geduld. Ein Kind hat es auf 20 Minuten Wartezeit gebracht. Das ist eine grandiose Leistung bei dieser Erkrankung. Es ist eine andere Ebene des Umgangs mit einem Lebewesen. Und so ein Erfolg für das Kind „Das habe ICH geschafft“!

GANZ ANDERS BEI MENSCHEN MIT DEMENZ

Frau S. lebt im Pflegeheim. Sie hört schwer, ist verschlossen, ihre Demenz ist fortgeschritten. Sie reagiert nicht, wenn jemand Kontakt zu ihr aufnehmen will. Und da ist auf einmal die Schnecke, nahe ihrer Nase. Sie wird ihr auf die Hand gelegt. Frau S. lächelt, wird wach. Der Blick der Frau richtet sich magisch auf die Schnecke, dabei ist sie hoch konzentriert. Franziska Bauer kann nur vermuten was in Frau S. abläuft: Sie kommt aus ihrer Langsamkeit, es ist gefühlt ihr Tempo. Sie muss nicht sprechen und scheint für kurze Zeit wieder in ihrem Leben zu sein. Würde die Begegnung mit Achi zu lange dauern, wäre dieser Moment bald vorüber. Es ist ein Erlebnis des Augenblicks.

Anders ist das Prozedere bei den Bewohnern der gemischten Gruppe – Bewohner mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Einschränkungen. Sie sitzen im Kreis und sind vor allem still. Auf die Frage der Therapeutin „Wer möchte die Schnecke auf die Hand?“ ist es still. Die Blicke sind ängstlich, auch die der Betreuer. Doch sobald eine(r) will, beginnen alle miteinander zu reden – und möchten die Schnecke ebenfalls. Ein unschätzbarer Effekt für Gespräche.

WIE VIEL HYGIENE IST NÖTIG?

Eine Achatschnecke schleimt nicht. Das macht die Arbeit mit ihr für menschliches Empfinden „angenehmer“. Doch das Händewaschen ist wie im Umgang mit allen Tieren wichtig. Schnecken haben Würmer, die eine Hirnhautentzündung auslösen können. Deshalb ist Händewaschen nach der Therapie Pflicht.

Wer mehr über Achatschnecken erfahren will, z.B.:

www.ueber-die-schneck.de

www.zwerggeckos.info  (mit Video)

www.weichtiere.at

 

Fotos/Logo: Verein „Vier für Zwei“

 

 

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