„Ich habe keine Angst mehr vor Hunden, aber Respekt“ – sagt eine Achtjährige

Angst kann vor leichtfertigem Tun abhalten. Soweit ist sie ein normales Gefühl, und das nicht nur bei Menschen. Doch wenn Angst in bestimmten Situationen oder Begegnungen immer wiederkehrt, allein der Gedanke daran schon bedrohlich ist, dann kann sie krankmachen. Spätestens dann sollte man etwas dagegen tun.

Weit verbreitete Ängste sind die vor Spinnen, Menschenmengen, Fahrstühlen, die Flugangst. Jedem fällt da etwas ein. Die Angst vor dem Hund gehört dazu.

Mich hat beeindruckt wie nachhaltig die Angst vor dem Hund bearbeitet werden kann – und damit einem Kind Lebensqualität gegeben wird.

DER ANGST-AUSLÖSER

Antonia ist acht Jahre und lebt in einem Mecklenburger Dorf. Rundherum gibt es Tiere, auch Hunde. Mit fünf Jahren wird das Mädchen von einem Hund gebissen. Sie ist mit zwei Freundinnen auf einem Bauernhof. Als sie vom Rad steigt, beißt sie ein Hund. Auch schon vorher hat sie Angst vor Tieren, einem Vogel, wenn er flattert. Doch die panische Angst vor Hunden ist seitdem auffällig. Aber das Ereignis, warum Antonias Mutter etwas gegen diese Angst unternehmen wollte, ist ein Vorfall in der ersten Klasse. Antonia hat gelernt von der Schule allein nach Hause zu gehen. Doch an einem Tag kommt sie nicht. Bei der fieberhaften Suche wird Antonia in der Dorfgaststätte gefunden. Weil sie auf dem Nachhauseweg am Ende der Straße einen Hund gesehen hat, suchte sie weinend Schutz in der Gaststätte.

Spätestens jetzt weiß Antonias Mutter, die selbst solche Ängste kennt, dass sie handeln muss.

In dem Ort ist auch Donatha Wölk, die Frau, die mit ihren Hunden Kindern, Behinderten, gestrauchelten Jugendlichen, alten Menschen helfen kann, keine Unbekannte. Antonia möchte lernen, dass sie vor Hunden keine Angst haben muss. Deshalb kommt es über längere Zeit zu Begegnungen zwischen Antonia, ihrer Mutter und Donatha Wölk – ohne und mit verschiedenen Hunden.

 

BEGEGNUNGEN GEGEN DIE ANGST

° Das Kennenlernen ist ohne Hund im Zuhause von Antonia. Ihre Mutti ist anwesend. Antonia ist neugierig auf die Begegnung, weil sie ihre Angst loswerden will. Frau Wölk muss wissen warum das Mädchen diese Angst hat. Antonia sagt, dass sie keine Angst mehr haben will. Sie sprechen über Hunde und Antonia erhält die Broschüre „Keine Angst vorm großen Hund“. Die wird se zusammen mit ihrer Mutti bis zum nächsten Mal ansehen. Ergebnis der Begegnung: Antonia möchte Frau Wölk wieder treffen.

° Die zweite Begegnung ist wieder im Zuhause von Antonia, ebenfalls ohne Hund. Da Antonia später Hunden angstfrei begegnen will, erfährt sie mehr über das Wesen ihres Angsttieres. Wissen ist wichtig, um Unsicherheit abzubauen. Frau Wölk verwendet das Buch „Hunde“ aus der Reihe Klipp & Klar sowie ein Poster. Antonia hat dabei großen Spaß, arbeitet gut mit. Sie behält das Buch, weil sie mehr erfahren will. Antonia freut sich auf die nächste Woche.

° Erneut ist das Treffen im Zuhause des Mädchens. Immer noch ohne Hund. Zum Thema Körper- und Lautsprache des Hundes sehen sie sich Bilder an. Da das Treffen erst 17.30 ist, wirkt Antonia vom Tag müde und spricht weniger als sonst. Sie bekommt zum nächsten Mal die Aufgabe ein Video zum Thema anzusehen und Aufgabenblätter auszufüllen. Das nächste Treffen wird bei Frau Wölk sein, da Antonia unbedingt den Welpen Lord und seine „Sprache“ kennenlernen will. Die Therapeutin freut sich, dass das Mädchen seit Tagen jede Menge Hundebilder malt und seine Mutti auffordert, mit ihr gemeinsam im Fernsehen Hundesendungen anzusehen.

°Antonia kommt mit ihrer Mutter zu Frau Wölk. Welpe Lord ist freudig, neugierig und verspielt. Antonia streichelt ihn. Aber das ist eigentlich noch zu früh. Sie zeigt Angst. Sie müssen noch sehr intensiv über die Körpersprache des Hundes reden, am Beispiel von Lord, damit Antonia sicherer wird. Antonia will unbedingt in der nächsten Woche weitermachen. Sie freut sich über den Talismann, einen kleinen Hund, zur moralischen Unterstützung.

 

° Das Mädchen hat im Abstand von zwei Wochen zwei Bilder gemalt. Es sind deutliche Unterschiede zu erkennen. Auf dem ersten Bild ist der Hund sehr groß, Antonia klein und ängstlich, beide in dunklen Farben. Das zweite Bild ist in hellen Farben, die Hunde sind kleiner, die Kinder fröhlich und Antonia hat einen Hund an der Leine. Es könnte Lord sein, der sie bei der Begrüßung an diesem Tag beschnuppert, ein wenig an ihr hochspringt und den sie erstmals von sich aus streichelt. Antonia bekommt zur Belohnung ein Hundeposter und freut sich schon auf den gemeinsamen Spaziergang zu den Hunden im Dorf.

° Antonia und ihre Mutter treffen sich bei Frau Wölk. Heute ist ein Spaziergang im Dorf geplant, um Hunden zu begegnen und an deren Verhalten die Körpersprache der Hunde und selbst richtiges Atmen zu üben. Bei den zufälligen Begegnungen – ein Hund läuft frei herum, aber in entgegengesetzte Richtung, drei bellen hinter dem Zaun – zeigt Antonia keine Angst und erkennt auch die Körpersprache der Hunde. An diesem Tag erzählt das Mädchen auch von einem Tierheimbesuch mit ihrer Mutter, bei dem sie einen kleinen Hund an der Leine spazieren geführt hat. Jetzt möchte sie sogar selbst einen Hund haben, erzählt die Mutter. Der Spaziergang muss wiederholt werden, um freilaufenden Hunden zu begegnen.

° Antonia weiß nicht, dass die Begegnung mit Hovawart Falko im Park abgesprochen ist. Ziel ist eine direkte Begegnung mit einem fremden, angeleinten Hund, bei der Antonia nicht auf die andere Straßenseite ausweichen kann. Vor dieser Begegnung werden die Körpersprache von Hunden und richtiges Atmen wiederholt. Das Hund-Maskottchen wird dabei einbezogen. Je dichter der Hund Falko kommt, umso ängstlicher wird Antonia. Sie sucht die Hand ihrer Mutti und wechselt die Seite, um nicht direkt am Hund vorbeilaufen zu müssen. Obwohl Antonia nur eine Begegnung will, sind es letztendlich drei. Sie wird ruhiger, kann aber ihre Angst nicht erklären. Das Unbehagen der Mutter scheint sich auf die Tochter zu übertragen. Sie sollte nächstes Mal nicht dabei sein.

° Die organisierten Begegnungen im Park sollen Antonia sicherer machen. Ausgewählt ist dafür auch der Hovawart Tango, ein ruhiger, ausgeglichener und sehr gehorsamer Hund. Antonia soll ihre Kenntnisse festigen und lernen sich auf die Begegnungen einzustellen. Bei zwei Begegnungen fasst Antonia Frau Wölk, die auf der Seite des Hundes geht, an der Hand. Beim dritten Mal ist das Mädchen auf der Seite des Hundes. Es geht gut. Es kommt noch zu einer unvorhersehbaren Begegnung mit zwei freilaufenden Hunden, deren Besitzer in der Nähe ist. Die Hunde kommen stürmisch heran gelaufen. Der kleine Hund springt an Antonia hoch. Sie ist aufgeregt und beginnt zu zittern. Der große Hund setzt sich artig an die Beine des Mädchens. Sie reagiert richtig. Antonia ist erstaunt, dass die Hunde nichts tun. Sie gibt zu, dass ihr die direkte Berührung mit einem Hund unangenehm ist. Nur Hunde, die sie kennt und die klein sind, erträgt sie so nah. Sie ist aber stolz alles überstanden zu haben und weiß inzwischen, dass sie ihre Angst nur loswerden kann, wenn sie draußen Hunden direkt begegnet. Antonia muss lernen sich auf den Hund statt auf ihre Angst zu konzentrieren.

° Die Begegnungen im Park mit mehreren Hunden sind genau vorbereitet. Außer Hovawart Tango ist Schäferhund Rex dabei. Antonia soll heute alleine am liegenden Hund vorbeigehen. Der Besitzer ist nicht direkt bei seinem Hund. Antonia soll (unter Beobachtung) allein nach Hause gehen und dabei dem freilaufenden Rex begegnen. Das Ergebnis: Antonia hat alle Begegnungen mit Tango gut gemeistert. Sie ist dabei nicht an der Hand eines Erwachsenen gegangen. Sie hat nicht mehr gezittert. Sie ist beim Vorbeigehen nicht ausgewichen. Sie hat den Hund beim Spielen beobachtet und war erstaunt, was der alles kann. Als Frau Wölk sich mit Tango beschäftigt, bleibt das Mädchen ruhig neben ihr stehen. Doch als sie Rex freilaufend sieht, ist sie wieder erschrocken und muss an ihre Fähigkeiten erinnert werden. Obwohl ihr die Nähe von Rex sichtlich unangenehm ist – der kommt, lehnt sich an sie und geht dann uninteressiert weg – bleibt sie ohne Zittern stehen. Ruhiger wird sie beim Anblick der Besitzerin von Rex. Beim nach Hause gehen kommen Antonia (unorganisiert) zwei freilaufende Hunde entgegen, die sie aber kennt. Lucky bleibt vor Antonia stehen und geht dann zu Frau Wölk. Das Mädchen bleibt viel ruhiger als noch vor einer Woche. Antonia geht dann alleine nach Hause. Sie will die Straßenseite wechseln, weil sie weiß, dass hinter dem Zaun von Familie F. ein Schäferhund ist. Dann hat sie sich mit Frau Wölk besprochen und ist allein am Zaun vorbeigegangen.

° Um weitere Fortschritte zu machen, wird Antonia vom Schulhort abgeholt. Die Aufgabe heißt durchs Dorf und auf Hunde zugehen. Mit dabei ist Spaniel Lord, den das Mädchen an der Leine führt. Antonia führt Lord sehr gern an der Leine. Da es zunächst das letzte Training sein soll, empfiehlt Frau Wölk der Mutter jetzt einen Psychologen um Rat zu bitten, wie weiter verfahren werden sollte. Es scheint bei Antonia um mehr Angst als um die vor Hunden zu gehen. Frau Wölk vermutet auch, dass das Mädchen die große Angst vortäuscht, um weiter Begegnungen mit ihr angenehmen Hunden zu haben. Das hat sie schon des Öfteren erlebt.

EIN JAHR SPÄTER

Antonia sagt: „Ich habe keine Angst mehr vor Hunden, aber Respekt. Wenn ich Hunde kenne, laufe ich nicht mehr weg. Zu manchen Hunden meiner Freundinnen habe ich richtig gute Beziehungen. Ich habe doch nicht gewusst, dass große Hunde so lieb sind. Jetzt weiß ich auch, dass Hunde neugierig sind, schnuffeln und dann weitergehen. Wenn mir im Dorf Hunde begegnen, gehe ich einfach weiter. Auf die andere Straßenseite wechsle ich jedenfalls nicht mehr“.

Antonias Mutter hat erreicht, was sie für ihre Tochter wollte – Antonia hat keine Angst mehr vor Hunden. Sie wünscht sich sogar einen eigenen. Ob und wann dieser Wunsch erfüllt wird, das steht auf einem anderen Blatt.

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