„Ach, was bin ich doch für ein Glückskind, dass ich die Hundetherapie mitmachen darf“…

… sagt Janos, ein zehnjähriger Junge, als ich ihm in der Therapie begegne. Er ist der Junge auf meinem „Aufmacher-Foto“ mit dem Hund Lord. Janos hat mich als langjährig Schreibende vollkommen irritiert und sprachlos gemacht. Weil er so anders ist. Jan spricht schnell, wechselt die Inhalte in Sekunden. Hätte ich kein Aufnahmegerät bei mir gehabt, in das ich später immer wieder reinhören konnte, wäre ich hilflos gewesen.

Ich bin sozusagen akkreditierter Gast in der Therapie. Ich weiß, dass Janos psychisch krank, unheilbar krank ist. Sein Verhalten wirkt auf andere „merkwürdig, ungeschickt, wunderlich“. Seine Erkrankung heißt Asperger Syndrom. Es ist eine milde Variante des frühkindlichen Autismus, eine mit Schwächen und Stärken. Janos kann sich nur schlecht mit anderen verständigen und Kontakte knüpfen. In der Gruppe verhält er sich oft unangemessen, er versteht die Auswirkungen seines Verhaltens auf die Gefühle der anderen nicht. Janos ist auch hyperaktiv, leidet unter impulsiver Wut.

Janos ist aber intelligent und kann in bestimmten Bereichen als begabt bezeichnet werden. Sozusagen eine multiple Persönlichkeit. Die „Therapie und Pädagogik mit Hunden“ wird bei Janos individuell und zusätzlich zu anderen Behandlungen eingesetzt. Janos soll eine stabile Beziehung zum Hund aufbauen, ihm vertrauen. Er soll für das Verhalten und die Bedürfnisse des Hundes sensibilisiert werden und diese anerkennen. Dabei übernimmt er auch kleine, sich wiederholende pflegerische Aufgaben: Decke hinlegen, Wasser hinstellen, dem Hund sagen was ich von ihm will, Belohnung, Streicheln, zum Schluss alles aufräumen. In den über dreißig therapeutischen Begegnungen mit dem Hund soll Janos seine persönlichen Stärken finden. Normen, Regeln und Grenzen für sich entdecken, Konflikte erkennen und Lösungen entwickeln. Und er soll die guten Erfahrungen mit Hunden auf seine sozialen Kontakte zu Menschen übertragen. Und Janos soll auch ein Ventil finden, um seine impulsive Wut abzubauen.

Deshalb begegnet er in die Therapie unterschiedlichen Hunden – und es werden immer wieder andere Kinder, Freunde einbezogen, die er je nach Befindlichkeit freudig begrüßt und ablehnt.


Einblick in Stunden-Protokolle

Vor meiner Begegnung mit Janos habe ich in Therapie-Protokolle von Donatha Wölk einsehen können. Spannend, erkenntnisreich, auch eine andere Welt. ° Janos ist die gesamte Stunde konzentriert und interessiert. Besonderes Interesse gilt dem Husky Mounty. Janos hält Regeln von alleine ein. Er ist gut lenkbar und setzt eigene Spielideen ein und um: Höhle bauen, mit dem Hund gemeinsam dort spielen und ruhen, Leckerli verstecken und suchen. Janos erkennt die Bedürfnisse der Hunde gut und akzeptiert sie. Geht eher zaghaft und zärtlich mit den Hunden um, überredet sie zu nichts. Er sagt: „Ich glaube, ich habe einen Freund gefunden. Wenn ich traurig bin, kann ich ja an die Hunde denken. Ich freue mich auf die Besuche“. Er spielt mit beiden Hunden, „damit keiner zu kurz kommt“. Sagt „Ach, was bin ich doch für ein Glückskind, dass ich die Hundetherapie mitmachen darf“. Sitzt mit Mounty in der Höhle und sagtIch bin oberglücklich, weil ich hier mit Mounty bin und kuscheln kann“. ° Janos will Lord dazu bringen auf die Kastenelemente zu springen. Lord hat Angst, Janos gibt Hilfestellung, Lord überwindet Angst, Janos ist sehr stolz. Er sagt „Ich kann hier lernen richtig mit anderen umzugehen“. Wir verabreden, die Intelligenz der Hunde in der nächsten Stunde durch Experimente zu testen. ° Janos baut sofort einen Parcour für die Hunde auf. In einer freien Interaktion von 40 Minuten erfindet Janos Aufgaben für Lord, hilft ihm diese umzusetzen und achtet auf ein inniges und verständnisvolles Miteinander. Lord ist total auf Janos fixiert. Er läuft unaufgefordert neben ihm her, schaut immer zu Janos auf und erwartet neue Aufgaben, die er freudig gemeinsam mit Jan löst. Zwei Eintragungen im Hefter. Janos fällt es schwer sich an die letzte Stunde mit den Experimenten zu erinnern. Geholfen wird durch „Trance“. Zum Schluss ruht Janos gemeinsam mit den Hunden. Er liegt in der Mitte und berührt beide Hunde. Nach der Stunde dürfen zwei Jungen mit den Hunden spielen. Janos darf nicht dabei sein und wird deshalb wütend, laut und schrill. Nach kurzer Zeit beruhigt er sich, weil er angesprochen wird. ° Neu ist, dass der Junge Constantin mitmachen darf. Janos ist stolz, dass er ihn anlernen kann. Aber Janos hat ihn kaum etwas alleine machen lassen. Janos mischt sich verbal ein und muss gebremst werden, findet es aber toll mit Constantin zusammen. Die Betreuerin sagt, dass Janos momentan kaum wieder zuerkennen sei, weil er alle Probleme mit Gewalt, vor allem Fußtritten lösen will. In der Therapiestunde ist das nicht so. ° Janos versorgt Mounty, schmust mit ihm zehn Minuten, streichelt, bürstet ihn und massiert die Ohren. Dann baut er einen Zwinger, eine Höhle für Mounty, damit er dort ruhen kann“. Legt sich mit ihm in die Höhle, damit Mounty einschlafen kann. Als Mounty eingeschlafen ist, kriecht Janos leise heraus. Er macht eine Phantasiereise „im Meer“. Dabei liegt Janos auf der Matte und reist völlig entspannt und mit viel Phantasie. Er spricht über die Messe „Kind und Hund“, erzählt, was er bereits über den Umgang mit Hunden gelernt hat. Er schämt sich, wenn er dafür gelobt wird. Janos bittet, dass beim nächsten Mal ein Kind der Gruppe für kurze Zeit dabei sein darf. ° Janos sagt, dass er nun doch nicht möchte, dass ein Kind hinzukommt. Er hat Angst, dass die Hunde dem anderen mehr Zuneigung geben als ihm – „Dann mögen die Hunde den anderen vielleicht lieber als mich“. Wir besprechen was passieren könnte und wie wir die Stunde gestalten. Janos bekommt einen Glücksbringer und wir reden über Glück und wie man selbst zum Glück beitragen kann. Dann kommt Sarah in die Stunde. Janos stellt die Hunde vor und zeigt ihr wie man mit ihnen umgeht. Janos ist ruhig und ausgeglichen. Er „teilt“ und geht gut damit um, dass sich Lord und Mounty um zwei Kinder kümmern. Nach der Stunde sagt Janos Es war alles viel besser als ich dachte“. Sarah sagt „Es war sehr schön, alles hat Spaß gemacht. Jan hat mich nicht gegängelt“. ° Janos ist sehr unruhig, läuft ständig umher, baut um, kann sich nicht konzentrieren. Mounty zieht sich zurück. Auch Lord ist unruhig und will den Kommandos von Janos nicht folgen. Die Aufgabe: Janos soll zur Ruhe kommen und auch die Hunde zur Ruhe bringen. Das gelingt, als Janos sich auf die Decke legt und einige Minuten ruht. Sahra, die in dieser Stunde auch anwesend ist, wird von Janos stark kommandiert. Sie bleibt ruhig. Janos will, dass Mounty über ein Kastenteil springt, was dieser verweigert. Janos wird laut und herrschsüchtig, Mounty verweigert erst recht. Sahra nimmt Mounty zur Seite und kümmert sich um ihn. Janos ist enttäuscht, doch Lord bleibt bei ihm. ° Nach drei Wochen. Janos hat häufigen Kontakt zu Lord. Er versorgt die Hunde und spielt mit ihnen. Dann hat er die Aufgabe, zu jeder Zeichnung einen Satz über seine Gefühle zu schreiben. Nach zwei Bildern sagt er „Ich mag nicht, wenn jeder gleich über meine Gefühle Bescheid weiß. Deshalb lächeln auch die Figuren auf meinen Bildern. Das Lächeln überdeckt das, was man wirklich meint“. ° Janos ist sehr gut drauf. Er ist enttäuscht über das baldige Ende der Therapie. Sahra ist dabei. Janos wird nicht laut, bevormundet nicht. Ihre Idee: Zum Abschluss eine „Zirkusvorstellung“ für die gesamte Kindergruppe einstudieren. Janos begeistert die Idee. Er will einen Plan aufschreiben und ihn mit Sahra und Constantin besprechen. Janos freut sich auf die Vorstellung und entwickelt viele Ideen. Er lässt auch Constantins Meinung gelten. Sie entwickeln ein Bühnenbild und üben mit den Hunden. Constantin sagt, dass Janos jetzt viel besser mit ihm umgeht. Jans Begeisterung hält die Therapiestunde an. Janos und Constantin haben ein Poster für die Vorstellung. Beide zeigen Teamgeist. ° Nach sechs Wochen. Janos ist anfangs ärgerlich bis zum Weinen: „Selbst die Hunde wollen nichts mit mir zu tun haben. Lord hat mich wohl vergessen“. Er beruhigt sich schnell, weil Lord Kontakt zu ihm aufnimmt. Zum ersten Mal ist Janos von selbst aufgefallen, dass er sich beim Reden mit mir auf das Gespräch konzentrieren will. Er hat sich ohne Murren jeder Kritik gestellt und sich sogar entschuldigt und sofort zurück genommen. ° Es ist die „Generalprobe“. Janos und Constantin arbeiten konzentriert. Janos lässt sich ohne Murren korrigieren und sagt, dass er denkt, dass er sich etwas geändert hat. Constantin sagt „Janos hat sich ganz schön verändert. Letztens wurde er am Tisch von einem anderen Jungen ständig provoziert und beleidigt. Früher wäre Janos ausgetickt. Jetzt ist gar nichts passiert. Das finde ich total gut“. ° Der Tag der Abschlussvorführung. Gekommen sind Eltern, Mitarbeiter und Kinder der Jugendhilfestation. Die Vorführung wird per Video aufgezeichnet. Janos und Constantin sind sehr aufgeregt, werden dann aber sehr ruhig und gelassen. Alle eingeübten Tricks mit den Hunden klappen. Beide Jungs erklären von sich aus (uneingeübt!) sehr viel. Die tiefe Verbindung zwischen Kind und Hund wird deutlich. Alle sind erstaunt und begeistert. Janos ist sehr traurig, dass die Therapie zu Ende geht.


„Ich habe gedacht, bitte komm her Lord, ich brauch dich, warum, ist meine Sache“

Janos und Lord sehen sich nach zwei Jahren wieder. Ich komme dazu und Janos erfährt vom Projekt Buch. Auch das Foto ist bei dieser Begegnung entstanden.
Das „hilflose“ Protokoll meiner Stunde:

Janos freut sich über Lord.
Breitet Decke aus.
He Lord, bleib mal stehen.
Lord kennt Janos genau.
Janos gibt Befehle.
He Lord. Janos nimmt Kontakt auf.
Sie wollen ein Buch schreiben? Ich schreibe auch Bücher. Romane über Spione. Der dritte Fantasy-Roman ist ein Rohling. Er ist serienreif.
Constantin und ich waren dicke Freunde, ist aber auf die schiefe Bahn geraten.
Immer eine Stunde war das damals.
Lord ist mein bester Freund.
Leckerli werden rausgeholt. Manege frei, Spot on.
Janos streichelt Lord „ach, ich liebe das“.
Lord hat Vertrauen gehabt, ist auf den Arm gegangen.
Lord komm, spring, mach eine Rolle, du machst es genau richtig. Janos gibt Lord Leckerli.
Mounty war auch ein super Spielgefährte.
Janos und Lord liegen nebeneinander auf dem Boden.
„Ach, das waren Zeiten“.
Was sagst du, Lord? Lord bettelt.
Janos versteckt Leckerli, zeigt die Richtung und sagt „such, Lord, such“. Ich denke, du hast eine Hundenase.
Ich bin jetzt auch bei den Pferden, das ist Reittherapie, geht mir ganz gut.
Warum war ich in der Therapie? Damit ich ruhiger werde und mit Menschen umgehen kann.
Janos legt sich auf den Rücken. Lord leckt.
Ich habe heute in der Schule sofort Freunde, wir toben umher.
Damals war ich wütend, habe vor Wut geweint, wollte es anders. Lord konnte mir helfen.
Ich zähle bis zehn. Ich meditiere heute, habe ich mir selber beigebracht.
Ein perfekter Platz hier zum Meditieren, Kerze in der Ecke und Dämmerlicht. Janos wird vollkommen ruhig.
Janos macht ein Experiment. Er setzt sich an die Wand und wünscht sich in Gedanken, dass Lord zu ihm kommt. Lord und ich verstehen uns so gut, dass er weiß, was ich von ihm will.
„Ich habe mir gedacht, bitte komm her Lord, ich brauche dich, warum, ist meine Sache“.
Lord macht Platz. Janos krault ihn.
Janos soll auf ein Blatt schreiben wie es ihm jetzt geht. „Ich habe eine andere Schrift und schreibe schneller“. Er schiebt das Blatt rüber und sagt „Ist doch wohl klar, wie es mir geht“.

Lord küsst Janos zum Abschluss.

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